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Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei

“Gedanken sind frei”, schrieb einst Hoffmann von Fallersleben in einem Volkslied. Der Satz wurde ursprünglich 1780 auf Flugblätter gedruckt. Die Gedanken sind frei. Doch was heißt frei. Frei im eigentlichen Sinne, jegliche Dinge zu äußern, frei, das Haus zu verlassen, frei einkaufen und in Restaurants zu gehen? Freiheit für jedermann? Oder heißt frei, auch das beste aus einer derzeitig nicht änderbaren Situation zu machen? Warum komme ich auf diesen Gedanken des „Freiseins“. In zahlreichen Posts, Kommentaren und Artikeln lese ich in den letzten Tagen vermehrt – welche Freiheiten sich jeder so wünscht. Seinen Laden wieder zu öffnen, sein Restaurant wieder mit Gästen zu füllen, wieder frei mit seinen Freunden im persönlichen Kontakt zu plaudern. Alles Dinge, die verständlich sind für ein Freiheitsgefühl und frei von Existenzängsten zu sein. 

Warum mache ich mir darüber Gedanken, weshalb schreibe ich diese Zeilen? Vielleicht um auch für mich mehr Klarheit hinter die Komplexität der Situation zu gewinnen und durch Schreiben meine Fragen in eine Form des freien Gedankens zu bringen. Vielleicht um offene Denkanstösse in die Runde zu werfen, welche Chancen, Risiken und Ängste uns in Krisen alle, jeden Einzelnen, eine Gesellschaft und eine globale Gemeinschaft bewegen. Keiner von uns, hatte je diese Situation für möglich gehalten, keiner hatte sich in einer solch globalen einschneidenden Veränderung befunden. Unsere gewohnten und auch für selbstverständlich angesehenen Lebensweisen stehen Kopf. Aber gibt es auch Chancen in dieser Zeit, in der Menschen ihre Jobs verlieren, eine Stunde am Tag 800 Meter um ihren Block laufen können oder soziale Kontakte nur noch über Video stattfinden?

Freiheit bedeutet Verantwortung. Das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.  

George Bernard Shaw 

Was bringen uns freie Gedanken, in Zeiten, in denen Menschen ihre Arbeitsstelle verlieren, Unternehmer um ihre Existenzen fürchten, ganze Branchen auf ihre Existenzberechtigung hinterfragt werden, weil sie aufgrund von Lock-downs ihr Geschäftsmodell nicht ausüben können und vielleicht auch hier die Nutzung sich aufgrund der gemachten Erfahrungen verändern wird. Und doch nehme ich vieler Orts wahr, wie sich genau diese Menschen durch diese Krise mit offenen und freien Gedanken, Spirit und Lösungsorientierung kreative und flexibel neue und andere Wege suchen und aufbauen. Sinnstiftende und gleichzeitig neue Einnahmequellen schaffende Möglichkeiten beginnen: Maskenproduktion, Mahlzeiten für Pflegekräfte, Hotelzimmer für systemrelevante Branchen, die nicht ohne Risiko zu ihrer Familie nach Hause gehen können, da sie für unsere Gesundheit und unseren Lebensunterhalt sorgen. Wie Menschen, die von Kurzarbeit gezeichnet sind, trotzdem ihre 100 % bringen, nur um das Überleben des Arbeitgebers zu sichern, die auf Spargelfelder gehen und helfen, die Ernte reinzubringen oder die sich durch die situationsbedingte gewonnene Zeit wieder sich selbst, ihren Garten, ihrer Familie und Verschönerung ihrer Wohnung widmen und einfach das beste aus der Situation machen. Wie Inspiration und Aktionsmus entstehen. Hat dies mit der Einstellung eines Machers, Stehaufmännchenqualität auch in Krisenzeiten, die Ärmel hochzukrempeln und der eigenen positiv denkenden Geistes-Haltung zu tun?

Gleichzeitig lese ich vermehrt, identifiziert die Risikogruppe und entzieht ihnen die Freiheit. Dient das Wort frei also in Krisen nur für einen selbst oder einer, von wem auch immer, bestimmten Gruppe? Oder gilt dies auch für eine Gemeinschaft? Wer identifiziert die so genannte Risikogruppe, ohne großes Wissen über diesen Virus und dessen Langzeitfolgen – denn eins ist sicher, das Virus ist frei – ? Wer gehört also der Risikogruppe an, ältere Menschen – wie deine Mama und dein Papa, oder die Menschen, die Deutschland in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut haben, Raucher, Epileptiker, Krebspatienten, Diabetiker, HIV-Infizierte, Bluthochdruckpatienten, übergewichtige Menschen und so weiter – wer identifiziert diese Risikogruppen und  entscheidet, du bist der Mensch, der zuhause bleibt, damit ich mein Freisein wieder leben kann. Ist dies ein Gedanke von Freisein einer demokratischen Gesellschaft, von Gleichheit oder der Würde, die unantastbar ist? Es gab eine Zeit, da gab es ähnliche Gedanken schon einmal – daraus entstanden Auschwitz, Buchenwald und viele andere Orte, die das Grauen hervorbrachten. 

Der derzeitige Gouverneur von New York (zur Verdeutlichung aktuell über 11.000 Tode und mehr als 144.000 Infizierte) – also aus der Stadt der grenzenlosen Freiheit – mit der symbolkräftigen Freiheitstatur  und das wohl am stärksten betroffene Zentrum dieser Tage – sagte in einer Pressekonferenz vor 2 Tagen – in einer Krise zeigt sich der Charakter des Menschen – in seiner besten und reinsten Form und in seiner schlechtesten und ignorantesten Form. Wenn wir nun wieder auf das Wort frei zurückkommen – wir haben jeden Tag die Entscheidung – frei zu wählen, was möchte ich daraus machen – wer will ich sein. Ja, wir alle stehen vor demselben Problem – und dies weltweit – jeder mit seinem eigenen Päckchen – doch jeder hat die Option frei zu wählen, diese Zeit für sich persönlich, helfend, lösungssuchend und kreativ zu nutzen. 

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Schauen wir uns die kreativen Restaurants an, Cocktail to go, Kinderteller to go – und wir haben die Chance, diese kreativen Existenzen zu unterstützen und bei unserem Lieblingsrestaurant unserer Mittagessen zu bestellen. Wir haben die Chance eine weitere Sprache zu lernen, unsere Kinder bei ihren Schularbeiten zu helfen, Lehrern die Hilfe anzubieten. Ja, die wirtschaftliche Lage und die Folgen sind derzeit undefinierbar – und alles weitere von frei. Doch auch hier steht uns als Arbeitnehmer und freier Mitarbeiter, die Möglichkeit frei, trotzdem so viel wie möglich für das Unternehmen zu tun, trotz Kurzarbeit, trotz fehlendem Auftrag. Einfach, weil wir frei sind, anzupacken und helfen zu wollen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Es sind nur kleine Kräfte, aber sie machen uns frei – denn wirklich frei sind wir – „Wenn wir Gutes für andere tun“ und uns mit Aktivitäten beschäftigen, die nichts mit „Leistungsidentifikation“ zu tun haben. 

Wer wollen wir also heute sein? Der Macher, der einen positiven Weg durch die Krise findet oder der Ängstliche, der sich daran aufhält, sich starr in die Vergangenheit schauend am Status quo ohne eigene für sich machbare Lösungsorientierung zu sehen und andere für seine “fear zone” verantwortlich macht? Wir alle haben die Kraft in uns, das haben wir die letzten Wochen gesehen. Viele von uns haben schon einige Hürden und Herausforderungen gemeistert. Mit welcher Kraft haben wir das geschafft? Warum nicht auch jetzt? Welchen Weg wählen wir also für die Zukunft, für uns Selbst, in einer Gemeinschaft und globalen Gesellschaft? Die Antwort können wir uns nur selbst geben, denn unsere Gedanken sind frei.

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